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18/03/2021
Erinnerungsort

Erinnerungsort für die LSBT*-Community entsteht auf der Apollo-Wiese

Foto: Nicolas Grosch

Der Rat hat sich in seiner Sitzung am Donnerstag, 18. März, für den Standort zwischen Rhein und KIT ausgesprochen

Mit der Arbeit des Künstlers Claus Richter „Ein seltsam klassisches Denkmal“ wird auf der Wiese nördlich des Apollos ein Ort für die Erinnerung und Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt entstehen. In seiner Sitzung am Donnerstag, 18. März, beschloss der Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf den Standort zwischen Rhein und KIT für die Realisierung der Plastik. Angestrebt wird derzeit eine Aufstellung im Herbst.

Im März 2018 fand in Zusammenarbeit zwischen dem „Forum Düsseldorfer Lesben-, Schwulen- und Trans*Gruppen“ sowie der Mahn- und Gedenkstätte ein offener Werkstatttag statt, bei dem sich die Teilnehmenden über einen Gedenkort in der Stadt austauschten, an dem der während der NS-Herrschaft und in der Nachkriegszeit verfolgten Homosexuellen gedacht werden soll. Im Ergebnis wurde die Kunstkommission gebeten einen Wettbewerb auszuloben, mit dem Ziel in Rheinnähe einen Erinnerungsort zu schaffen, der jedoch nicht nnur als Mahnmal dient, sondern auch der aktiven Erinnerung. Auf Empfehlung der Kunstkommission hatte der Kulturausschuss die Durchführung eines zweistufigen Wettbewerbs für die Realisierung einer künstlerischen Lösung in zentraler Lage zwischen Rheinkniebrücke und Rheinterrasse beschlossen. Den ausgelobten Wettbewerb gewann der Künstler Claus Richter mit seiner Arbeit „Ein seltsam klassisches Denkmal“. Er setzte sich mit seinem Entwurf gegen 12 internationale geladene Künstlerinnen und Künstler durch. Die Verwaltung wurde beauftragt, im Einvernehmen mit dem Künstler den für den Entwurf bestgeeigneten Standort zu klären.

Im Rahmen einer gemeinsamen Begehung des in Frage kommenden Bereichs mit dem Künstler und den weiteren Protagonisten sowie den Fachämtern identifizierte man einstimmig die Wiese nördlich des Apollo zwischen Rhein und KIT als idealen Standort. „Ein Hauptgrund für den ausgewählten Ort ist darin zu sehen, dass an dieser Stelle eine lebendige Erinnerungskultur möglich ist mit der Durchführung von Schülerkursen, Treffen etc. in einem ruhigen, angenehmen Surrounding“, führte Dr. Fleermann von der Mahn- und Gedenkstätte aus. Die Geschäftsleitung der Kunstkommission, Nicolas Grosch ergänzt, „dass an dieser Stelle alle vier Figuren gleichermaßen und somit gleichberechtigt zur Geltung kommen“, was an keinem anderen Platz im ausgelobten Bereich in dieser Art möglich gewesen wäre. „An dieser Stelle ist durch die Anbindung an den CSD-Startpunkt ein starker Kontext in den vorhandenen Raum gegeben“, stellte Christoph Westermeier, Mitglied der Arbeitsgruppe der Kunstkommission für dieses Projekt fest. Für die Ausstellung des Kunstwerkes ist ein Termin im Herbst 2021 in Planung, und er ergänzt, dass daher eine zeitliche Nähe des Aufstellens zum diesjährigen CSD schön wäre.

Der Künstler Claus Richter und sein Entwurf

Claus Richter, geboren 1971 in Lippstadt, ist ein zeitgenössischer deutscher Künstler. Er lebt und arbeitet in Köln. 2003 absolvierte er das Studium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Seine künstlerische Praxis ist multimedial und lässt sich auf kein Genre festlegen.

Der Entwurf von Claus Richter reiht sich auf den ersten Blick ganz bewusst in die Vielzahl bestehender Bronzefiguren in Düsseldorf ein. Erst die nähere Betrachtung und Auseinandersetzung zeigt die ironische Brechung. Der Entwurf sieht eine Figurengruppe vor, die die Hände zum Teil zu Fäusten geballt oder zum Victory-Zeichen verschränkt empor streckt. Die Gruppe steht vereint auf einem Stufensockel aus Beton. Die vier Figuren symbolisieren alle Spektren sexueller Ausrichtung: eine feminine, scheinbar biologisch männliche Figur, eine eher maskuline, scheinbar biologisch männliche Figur, eine glatzköpfige scheinbar biologisch weibliche Figur und eine eher feminine scheinbar biologisch weibliche Figur. Die genau definierten Gesichter heben sich bewusst von den grob modellierten Körpern ab.

Ergänzt wird das Denkmal um eine traditionelle Tafel mit folgender Inschrift: „Ort für die Erinnerung und Akzeptanz von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Dieser Ort ist den Lesben, Schwulen, Bi- und Trans*, die Opfer von Gewalt, Verfolgung und Diskriminierung in Düsseldorf wurden, gewidmet. Und all denen, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einstehen.“

Zum historischen Hintergrund:

Bereits im Deutschen Kaiserreich waren sexuelle Handlungen unter Männern nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuches verboten. Während des Nationalsozialismus wurden Homosexuelle zu „Volksschädlingen“ erklärt und verfolgt. Bis August 1938 verhaftete allein die Gestapo in Düsseldorf etwa 400 Männer. Damit war Düsseldorf die Stadt mit den meisten Festnahmen nach Paragraf 175 in ganz Westdeutschland.

Die Gerichte in Düsseldorf verhängten durchschnittlich fünf bis sechs Monate Gefängnis für Verstöße gegen den § 175. In Gefängnissen und Strafgefangenenlagern wurden homosexuelle Häftlinge nach Möglichkeit in Einzelhaft genommen und besonders gefürchteten Arbeitskommandos zugeteilt. Unabhängig von einem Gerichtsurteil verfügte die Gestapo über die Möglichkeit, Menschen in Konzentrationslager einzuliefern. In Düsseldorf wurden solche KZ-Einweisungen als „Korrektur“ gerichtlicher Urteile vorgenommen, also etwa nach Entlassung aus der Untersuchungshaft, nach einem Freispruch im Gerichtsverfahren oder unmittelbar nach der Strafverbüßung. Der Kriminalpolizei war es zudem möglich, im Rahmen einer“Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ Homosexuelle als „Sittenstrolche“ oder „Triebverbrecher“ in „Vorbeugehaft“ zu nehmen. Diese wurde ebenfalls in KZs vollstreckt. Im Einklang mit dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ konnten schwule Männer „entmannt“ werden. Diese Zwangskastrationen wurden in der Regel in der Krankenabteilung des Gefängnisses „Ulmer Höh“ durchgeführt.

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