Wettbewerbsbeitrag

3. Platz
Tamara Grcic
"12 Fahnen für den Frieden"

Foto: Tamara Grcic

Tamara Grcic
"12 Fahnen für den Frieden"

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen weltpolitischen Situation, die zunehmend von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt ist, erscheint es mir wichtig, einen zeitgemäßen und reflektierten Umgang mit dem 39er-Denkmal zu entwickeln, der sich explizit dem Thema Frieden zuwendet.

Zentraler Ausgangspunkt der Arbeit ist die Annahme, dass Frieden kein abgeschlossener Zustand, sondern ein dynamischer, historisch und gesellschaftlich bedingter Prozess ist. In diesem Sinne begreift sich 12 Fahnen für den Frieden als prozessuale, zeitbasierte Arbeit, die den Friedensbegriff über einen Zeitraum von zehn Jahren kontinuierlich befragt, erweitert und neu verhandelt. Die künstlerische Intervention verschiebt den Fokus des Denkmals von der retrospektiven Erinnerung an Krieg hin zu einer gegenwartsbezogenen und zukunftsorientierten Auseinandersetzung mit Friedensbildung.

Auf dem ehemaligen Aufmarschplatz werden zwölf weiße Fahnen installiert. Die Fahne ist als künstlerisches Zeichen bewusst ambivalent gewählt: Sie steht historisch sowohl für Kapitulation als auch für Waffenstillstand und verweist zugleich auf Neutralität und Schutz. In der Farbe Weiß verdichtet sich diese Ambivalenz zu einem offenen, nicht festgelegten Bedeutungsraum. Die Fahnen markieren den Ort als temporäre Zone der Reflexion und entziehen ihn symbolisch seiner ursprünglichen Funktion der Machtdemonstration und militärischen Ordnung.

Jede Fahne trägt ein Textzitat, das sich mit Friedensprozessen, Konfliktbearbeitung oder gesellschaftlicher Verantwortung auseinandersetzt. Die Texte werden in zwölf unterschiedlichen Sprachen präsentiert, die zu den meistgesprochenen Sprachen in Düsseldorf zählen (Quelle: Ausländerzentralregister der Landesdatenbank NRW). Die Mehrsprachigkeit fungiert dabei nicht nur als inklusives Element, sondern verweist auf die apluralen sozialen Realitäten der Stadtgesellschaft und positioniert Frieden als transkulturelle, nicht nationale Kategorie.

Den Auftakt bildet ein Zitat aus der Charta der UNESCO:

„DA KRIEGE IM GEISTE DER MENSCHEN ENTSTEHEN, MUSS AUCH DER FRIEDEN IM GEISTE DER MENSCHEN ENTSTEHEN.“

Dieses Zitat fungiert als programmatische Setzung und rahmt den gesamten Projektverlauf konzeptuell.

Die Fahnen und ihre Texte werden halbjährlich ausgetauscht. Über die Laufzeit von zehn Jahren entstehen so zwanzig aufeinanderfolgende Textsetzungen. Die sukzessive Abfolge macht den Friedensbegriff als einen lebendigen, sich wandelnden und gegenwartsbezogenen Prozess sichtbar, der in einem kontinuierlichen Dialog mit dem Denkmal tritt.

Die Textauswahl erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem PRIF, Leibniz-Institut für Friedensund Konfliktforschung. Durch die Verbindung künstlerischer Praxis mit friedenswissenschaftlicher Forschung entsteht eine Schnittstelle zwischen ästhetischer Erfahrung und analytischem Wissen. Die Zitate sind bewusst prägnant, offen formuliert und vermeiden didaktische Eindeutigkeit. Stattdessen laden sie zur individuellen Interpretation, zum Innehalten und zur kritischen Auseinandersetzung ein.

Ergänzend zur Installation wird ein begleitendes Vortragsprogramm entwickelt, das die diskursive Dimension der Arbeit erweitert. Zweimal jährlich finden – parallel zum Wechsel der Zitate – öffentliche Vorträge zur Friedensforschung und Friedensbildung statt. Diese Veranstaltungen verstehen sich als Erweiterung des künstlerischen Raums in den sozialen Raum des Austauschs und der Debatte. Als Veranstaltungsort ist der Vortragssaal der Evangelischen Kirchengemeinde Tersteegen vorgesehen, der sich in unmittelbarer räumlicher Nähe zum Denkmal befindet und so die Verbindung von Kunst, Öffentlichkeit und Wissensproduktion stärkt.

Die Vorträge werden im Stadtraum Düsseldorfs durch Plakate angekündigt. Die grafische Gestaltung der Plakate leitet sich formal von der Typografie der Fahnenzitate ab, und stellt so eine visuelle Verbindung zwischen Denkmal, Stadtraum und Vortragsprogramm her.

Alle Vorträge werden professionell aufgezeichnet und auf einer eigens entwickelten Website veröffentlicht. Die Inhalte sind barrierefrei zugänglich und werden sowohl in Gebärdensprache als auch mit Untertiteln angeboten. Über die Laufzeit des Projekts entsteht so ein digitales, öffentlich zugängliches Archiv zeitgenössischer Friedensdebatten und friedenswissenschaftlicher Forschung.

Der Zugang zur Website erfolgt über QR-Codes, die für alle Passantinnen und Passanten niederschwellig erreichbar sind. Auf dem Reeserplatz werden hierfür fünf Informationstafeln installiert, die die Verbindung zwischen physischer Installation und digitalem Archiv herstellen. 12 Fahnen für den Frieden versteht sich als künstlerische Strategie der Umkodierung: Ein historisches Kriegsdenkmal wird nicht negiert, sondern durch eine zeitbasierte, diskursive Intervention in einen Ort des Nachdenkens, der Auseinandersetzung und der Haltung transformiert. Die Arbeit positioniert sich klar gegen Rechtsextremismus und faschistische Ideologien und eröffnet einen Dialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der Frieden als aktive, gesellschaftliche Praxis begreift.