Wettbewerbsbeitrag

2. Platz
Esther Shalev-Gerz
"absence"

Foto: Esther Shalev-Gerz

Esther Shalev-Gerz
"absence"

absence ist allen Menschen gewidmet, die ihre Kinder durch Krieg und die vielen wieder-kehrenden Formen von Gewalt im Laufe der Geschichte verloren haben.
Es handelt sich um einen Vorschlag für eine skulpturale Intervention am Reeser Platz – ein Gegenmonument, das sich in Beziehung zum bestehenden 39er-Denkmal positioniert und gleichzeitig einen Raum für Reflexion über Verlust, Erinnerung und die fragile Grenze zwischen Freude und Bruch eröffnet.

Das Werk reagiert auf unheilbare Trauer und auf Leben, die vor ihrer Zeit beendet wurden. Die schwebenden Formen verkörpern eine Unterbrechung – einen Moment, in dem Kontinuität, Bewegung und Spiel plötzlich gestoppt werden. Das Werk besteht aus zwei schlanken Stahlmasten, die jeweils 18 Meter hoch sind. Ihre Formen verjüngen sich von 25 cm Durchmesser am Boden auf 15 cm an ihrer Spitze und lenken den Blick des Betrachters nach oben. Der erste Mast steht in der Mitte des Platzes direkt vor dem bestehenden Denkmal und verankert die Intervention in der historischen und zeremoniellen Achse des Platzes. Der zweite Mast befindet sich hinter dem Kinderspielplatz, an der Kurve der ehemaligen Straßenbahnlinie und schafft so eine ruhige, aber eindringliche Gegenbewegung auf dem Gelände.

Über den Masten hängen zwei spiegelnde Metallkugeln, die wie Bälle aussehen, mit denen Kinder spielen – Objekte, die für Bewegung, Freude und die Begeisterung des Spielens stehen. Es sind Bälle, die in einem echten Spiel zurück in die wartenden Hände fallen würden. Aber hier kehren sie nicht zurück. Jede Kugel wird genau in dem Moment vor dem Fallen gehalten – ein Moment, der im realen Spiel so kurz ist, dass er fast nicht wahrnehmbar ist. In absence wird dieser flüchtige Augenblick unendlich verlängert und in einen Schwebezustand verwandelt, in dem die hochfliegende Befreiung des Spiels auf das Innehalten durch seine Unterbrechung trifft. Ein diskreter Mechanismus stützt jede Kugel und lässt sie gleichzeitig subtil auf den Wind reagieren. Dadurch bleiben die Bälle leicht geneigt – nie ganz still, nie ganz fallend – und suggerieren einen Atemzug, ein Zögern, eine Spur von Leben, die in der Stille fortbesteht. Auf dem Boden unterhalb des Pylons, der dem Denkmal zugewandt ist, markiert ein 13 Meter großer Kreis aus weißen Pflastersteinen eine neue Fläche. Während sich die Sonne bewegt, durchquert der Schatten des Pylons diesen Kreis wie eine Uhr ohne Ziffern und registriert das Vergehen der Zeit ohne Wiederkehr.

Der zweite Mast, der auf der anderen Seite des Denkmals an der Straßenbahnkurve steht, befindet sich auf einem Kreis aus den ursprünglichen grauen Pflastersteinen und spiegelt den ersten Standort wider und gleicht ihn aus, während er das Gegenmonument in den Alltagsrhythmus des Platzes hinein erweitert.
Der Pylon und Pflasterkreis auf der Parkseite ist eingebettet in eine kreisförmige Wildblumenwiese, die als kooperatives Schulprojekt zusammen mit Schüler:innen angelegt werden kann. Die Kurve der Wiese ist flankiert durch acht runde Sitzbänke, die als Sitzpo-deste zum Aufenthalt einladen und die Kurve präzise markieren.
Die spiegelnden Oberflächen der Kugeln reflektieren den Himmel, das wechselnde Wetter und die Bewegungen der Passant:innen. Ihre leichte, vom Wind verursachte Neigung steht im Kontrast zu ihrer permanenten Aufhängung und zeigt, dass Abwesenheit keine Leere ist, sondern eine lebendige, sich verändernde Präsenz.
absence regt die Betrachter:innen dazu an, nach oben zu schauen und in dem schwebenden Moment der Kugeln sowohl die Begeisterung des Spiels als auch den Bruch vorzeitig beendeter Leben zu spüren.

Wie in vielen Kunstprojekten von Esther Shalev-Gerz im öffentlichen Raum, beispielsweise „Memorial Against Fascism“ (1986), „The Distribution of Seeds, The Collection of Ashes“ (1996) und „The Shadow“ (2018), wird der skulpturale Aspekt auf ein striktes Minimum reduziert, um die Betrachter:innen zu aktivieren. Als Gegenmonument im öffentlichen Raum verlagert die Skulptur den Fokus weg von heroischen Erzählungen hin zur Fragilität menschlicher Erfahrungen und der bleibenden Last des Verlusts.