Wettbewerbsbeitrag

1. Platz
Ülkü Süngün
"Geschichtsbaustelle (AT)"

Foto: Ülkü Süngün

Ülkü Süngün
"Geschichtsbaustelle (AT)"

Künstlerische Haltung und Zielsetzung

Der Entwurf folgt aktuellen Forschungen zu Täterorten und formuliert bewusst eine Verweigerung gegenüber der ästhetischen Aufwertung nationalsozialistischer Architektur. Eine rein skulpturale Intervention kann die überwältigende Wirkung dieses Ortes kaum brechen, ohne zugleich seine Sprache mit fortzuschreiben oder ihm zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen und in bejahende Konkurrenz zu treten. Stattdessen verschiebt der Entwurf den Fokus weg vom Monument hin zu den Perspektiven der Opfer des Nationalsozialismus, ihrer Nachfahren sowie Betroffener rechter Gewalt seit 1945. Im Zentrum stehen rassistische und antisemitische NS-Kontinuitäten, mehrgenerationale Traumata und die Frage, wie Geschichte heute vermittelt, erforscht und gemeinsam bearbeitet werden kann für ein Nie-Wieder! Um sich proaktiv der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des 39er Denkmals stellen zu können, braucht es der sichtbaren physischen Kopräsenz (Fischer-Lichte) des historischen Denkmals Ort, in das die aktive Dekonstruktion und künstlerische Intervention mit eingeschrieben werden kann.

Der Entwurf „Geschichtsbaustelle Reeser Platz“ (AT) besteht aus:
1. Der Dekonstruktion des historischen Reeser Denkmals,
2. der künstlerischen Arbeit „Rechte Tafel_2024“ (bzw. aktuelle Jahreszahl) und
3. der Geschichtswerkstatt und dem Bildungsprojekt im Begegnungsraum.

Dekonstruktion und Kontextualisierung des Denkmals

Das historische Denkmal wird als dauerhafte Geschichtsbaustelle deklariert. Durch reversible, substanzschonende Eingriffe werden Symmetrie, Überwältigungsstrategien und Aura des Unantastbaren gebrochen. Einzelne Mauersteine der Frontseite mit eingemeißelten Schlachten des zweiten Weltkriegs werden für die Dauer von zehn Jahren entnommen, mit der Inschrift nach unten auf Paletten gelagert und auf dem Aufmarschplatz verteilt. Sie fungieren als defensive Architektur und Hindernisse zukünftiger imaginärer Aufmärsche und sind zugleich als bewegliche Sitzgelegenheiten für das Bildungsprojekt nutzbar. Eine temporäre Konstruktion stützt die Statik des Mauerwerks ab.

Das zentrale Eiserne Kreuz des Tores, der Fluchtpunkt des gesamten historischen Denkmals, wird auf dessen der Rückseite horizontal auf den Boden installiert und dient künftig als Beetbegrenzung. Mit der Zeit wird es von Pflanzen überwuchert. Weitere Gitter- und Torelemente der Gruft werden versetzt und als Rankhilfen und Schattenspender des Bildungsprojektes oder als Geländer der Öffnung zur Rückseite des Denkmals genutzt, um dieses Areal zu aktivieren. Aktuell herausgebrochene Bodenplatten auf der Rückseite des Denkmals werden durch eine sanfte Flurbereinigung im hinteren Bereich sichtbar. Die Dekonstruktion durch Entfernung und Umnutzung von Elementen des historischen Denkmals zielt nicht auf seine Zerstörung ab, sondern soll die ideologische Ehrung der NS-Täter sichtbar problematisieren. Die Maßnahmen werden vollständig rückführbar und substanzschonend durch lokale Fachbetriebe ausgeführt. Das Vermittlungskonzept beinhaltet eine Infotafel mit QR-Code sowie eine thematische Einbettung in existierende Führungen.

Sichtbarmachung aktueller NS-Kontinuitäten

Meine künstlerische Arbeit „Rechte Tafel_2025“, einzige sichtbare künstlerische Installation, ist eine digitale Anzeigetafel mit Metallrahmen, die auf einem sechs Meter hohen Fahnenmast am Wegrand installiert ist. Sie zeigt jährlich aktualisierte Zahlen zu politisch motivierter Kriminalität (PMK rechts) mit Schwerpunkt rechtsmotivierter Straftaten in Nordrhein-Westfalen. Die Tafel konfrontiert den historischen Ort unmittelbar mit der Gegenwart. Der als Kranzablage dienende Steinblock aus der Gruft wird an den Fuß der Anzeigetafel verschoben und soll zukünftig am 27.1., dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und Befreiung des KZs Auschwitz und /oder am 8. Mai, dem Gedenktag an das Ende des zweiten Weltkrieges in Europa erinnern. Insgesamt wurden 5.641 rechtsextrem bzw. politisch rechtsmotivierte Straftaten in NRW im Jahr 2024 registriert. Das ist ein signifikanter Anstieg gegenüber 3.549 Fällen im Jahr 2023, mit ca. 15 Taten pro Tag. Darunter fallen Hassdelikte mit politisch rechts motiviertem Hintergrund, Gewalttaten, Propagandadelikte, wie Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Volksverhetzung. Das Vermittlungskonzept umfasst hier ebenfalls einen QR-Code und eine kleine Info-Tafel.

Bildungsprojekt und Geschichtswerkstatt im Begegnungsraum

Direkt am Denkmal entsteht ein auf zehn Jahre angelegtes und budgetiertes Bildungsprojekt in Form einer zweigeschossigen Containerarchitektur. Das Erdgeschoss dient als Seminar-, Aufenthalts- und Begegnungsraum, das Obergeschoss beherbergt eine wechselnde Ausstellung der Geschichtswerkstatt, die im digitalen Raum eine Entsprechung hat und auch nach der Rückführung abrufbar ist. Die Containerarchitektur zitiert bewusst die Ästhetik einer Baustelle, überragt das Denkmal und dezentriert und stört dessen symmetrische Blickachse von der Flussseite. Mit dem Bildungsprojekt wird das 39er Denkmal in einen Bildungsort innerhalb der öffentlichen Bildungsinfrastruktur überführt, an dem demokratiefördernd Geschichtswissen vermittelt und Erinnerung produktiv für die Gegenwart gemacht wird. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sind ein Filmfestival mit pazifistischen, künstlerisch-dokumentarischen Filmen und drei mehrjährige

Ausstellungsphasen vor allem zu den marginalisierten Opfergruppen des NS-Regimes geplant:
1. Kriegspropaganda und Fake News,
2. Opfergruppen der sogenannten „Rheinlandkinder“ und Sintizze und Romnja in NRW
3. Opfer rechter Gewalt in Nordrhein-Westfalen nach 1945.

Die Projekte entstehen in Kooperation mit lokalen Museen, Archiven sowie insbesondere mit Betroffenen- und Selbstorganisationen oder Initiativen. Das Denkmal und seine historisch kontaminierte Landschaft wird nicht ästhetisch überformt, sondern durch Bildung, Recherche und Begegnung dauerhaft und sichtbar in Frage gestellt.