public bodies*

Mischa Kuball, Düsseldorf

Auszug aus dem Text der Verfasser*innen:

Auf die Frage nach Orten der Erinnerung und Mahnung der Opfer von Verfolgung aus dem Kreise der LSBT*-Community, schlage ich einen Prozess der dialogischen Annäherung vor, der das Verhältnis von bereits existierenden Skulpturen im öffentlichen Raum und den neu zu platzierenden public bodies* thematisiert.
Es gibt bereits parallele Narrative und Erzählungen im städtischen Raum von Düsseldorf – sie handeln von ‚Helden der Weltkriege‘, sind Dichtern und Denkern gewidmet oder zeigen ‚Helden des Alltags’. Sie reagieren durch unsere Wahrnehmung auf die aktuellen Debatten – und tragen doch ihren eigenen ‚persönlichen‘ Hintergrund. Bestimmt durch die Zeit der Aufstellung, aber auch durch den unmittelbaren Ort und seiner historischen wie gegenwärtigen Bedeutung, sind diese Skulpturen und Denkmale auch häufig Ausdruck von Menschenbildern ihrer Zeit. Diese Erzählformen sollen mit Hilfe der public bodies* weiter oder neu gedacht sowie entwickelt werden. Sie tragen in sich die Erinnerung an Verfolgung, Vertreibung, verfehlter Justiz und aktueller Ausgrenzung und Stigmatisierung
– aber öffentliche Körper sind auch Gegenstand öffentlicher Debatten und Diskurse
– und somit geht es jeden was an!

An ausgewählten Standorten sollen ca. 2 Meter hohe, metallische Skulpturen public bodies* errichtet werden, die jeweils in wechselnden Kombinationen aus fünf ‚platonischen Körpern’ erstellt werden, und in ihrer besonders behandelten Oberfläche dezent in Farbnuancen und Formen sexuelle Vielfalt sowie unterschiedliche Lebensformen und -gemeinschaften wiedergeben. Die Rolle der ‚platonischen Körper’ ist eine Referenz zu Platon, der hier nicht nur als Namensgeber fungiert, sondern eben auch vier Körper den Elementen zugeordnet hat. (Oft werden die ‚platonischen Körper’ auch als Referenz für Netzwerkmodelle genannt.)
Diese oben genannten Erzählformen sollen mit Hilfe der public bodies* im Kontext der LSBT*-Community und einem anderen Geschlechterverständnis in der Gesellschaft sowie der Landeshauptstadt Düsseldorf auch neu erzählt werden. Denn in der Stadt Düsseldorf verhängten Gerichte durchschnittlich fünf bis sechs Monate Gefängnis für Verstöße gegen den Paragraf §175, der erst 1994 aufgehoben wurde. In Gefängnissen und Straflagern wurden homosexuelle Häftlinge zur Zeit des Nationalsozialismus in Einzelhaft genommen und gefürchteten Arbeitskommandos zugeteilt. Unabhängig von Gerichtsurteilen verfügte die Gestapo über die Möglichkeit Menschen in Konzentrationslager einzuliefern. In Düsseldorf wurden solche KZ-Einweisungen als „Korrektur“ gerichtlicher Urteile vorgenommen, also etwa nach Entlassung aus der Untersuchungshaft, nach einem Freispruch im Gerichtsverfahren oder unmittelbar nach der Strafverbüßung. Der Polizei war es zudem möglich im Rahmen einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ Homosexuelle als „Sittenstrolche“ oder „Triebverbrecher“ in „Vorbeugehaft“ zu nehmen. Diese wurde ebenfalls in KZs vollstreckt. Im Einklang mit dem „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher“ konnten schwule Männer sogar „entmannt“ werden. Diese Zwangskastrationen wurden in der Regel in der Krankenabteilung des Gefängnisses „Ulmer Höh“ durchgeführt.

 



 



Begründung der Jury aus der Sitzung vom 10. September 2019

Als einen Prozess der dialogischen Annäherung sind die „Public bodies*“ zu verstehen. Dabei werden ausgewählten, bereits bestehenden Skulpturen neue Skulpturen gegenübergestellt. Diese setzen sich aus gestapelten geometrischen Körpern zusammen, die in unterschiedlichen Farben gefasst sind. Die Jury lobt die künstlerische Intervention in den bestehenden Raum, um gewohnte Blickwinkel und Denkweisen aufzubrechen. Jedoch wird aus Sicht der Kommission der konkrete Bezug zur Wettbewerbsaufgabe nicht klar genug erkennbar formuliert. Die Formsprache der vorgeschlagenen Skulpturen erscheint sehr beliebig, die Referenz zu Platon überzeugt nicht. Zudem gibt es zum Teil erhebliche Bedenken seitens der technischen Fachämter.